Rückblick auf unser Panel mit Botschafter Heiko Thoms und Flotillenadmiral a.D. Stefan D. Pauly, Moderation: Rixa Fürsen (Politico)

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die europäische Sicherheitsordnung grundlegend verändert. In der Diskussion mit Heiko Thoms (Deutscher Botschafter in der Ukraine) und Stefan D. Pauly (ehem. Flottillenadmiral, Head of the Board of Advisors, Eraneos) wurde deutlich, dass die Frage nicht mehr lautet, ob Europa mehr Verantwortung für seine eigene Verteidigung übernehmen muss, sondern wie schnell und entschlossen dies geschieht. Gleichzeitig wurde betont, dass die Unterstützung der Ukraine nicht nur Solidarität mit einem angegriffenen Land ist, sondern unmittelbar mit der Sicherheit und den Interessen Europas verbunden bleibt.
Ein eindrücklicher Teil der Diskussion befasste sich mit der aktuellen Lage in der Ukraine. Der vergangene Winter stellte die Bevölkerung vor enorme Herausforderungen. Über mehr als sechs Wochen herrschten durchgehend zweistellige Minusgrade, die Temperaturen fielen teilweise auf unter minus 20 Grad. Es war der kälteste Winter in der Ukraine seit 1999. Gleichzeitig griff Russland weiterhin gezielt die Energie- und Versorgungsinfrastruktur an, was zu Stromausfällen, fehlender Wasserversorgung und ungeheizten Wohnungen führte. Dennoch wurde der Widerstandswille der Ukrainer als ungebrochen beschrieben. Die Angriffe auf die zivile Infrastruktur hätten die Entschlossenheit der Bevölkerung eher gestärkt als geschwächt.
Mit Blick auf die Verteidigungsfähigkeit Europas wurde deutlich, dass die Lehren aus der Ukraine eine grundlegende Neuausrichtung der Rüstungsbeschaffung und der europäischen Verteidigungsindustrie erfordern. Viele traditionelle Waffensysteme werden heute anders eingesetzt als ursprünglich vorgesehen. Gleichzeitig gewinnen Drohnen, Robotik, Automatisierung und autonome Systeme zunehmend an Bedeutung. Dies sei nicht nur eine technologische Entwicklung, sondern auch eine Antwort auf den demografischen Wandel: Künftig werden weniger Soldaten zur Verfügung stehen, während gleichzeitig zusätzliche Fähigkeiten aufgebaut werden müssen. Die Frage, wer künftig Panzer, Schiffe oder andere militärische Systeme bedienen soll, werde daher immer drängender.
Die Ukraine zeige bereits heute, wie schnell Innovationen entwickelt, angepasst und unmittelbar an der Front eingesetzt werden können. Besonders prägend war die Feststellung, dass die westlichen Staaten vielerorts noch dabei seien, sich auf den Krieg von morgen mit den Waffen von gestern vorzubereiten, während die Ukraine den Krieg von heute mit den Waffen von morgen führe. Die enge Zusammenarbeit zwischen Streitkräften und Industrie sowie die außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit des Landes wurden dabei als wichtige Vorbilder für Europa hervorgehoben.
Darüber hinaus wurde die Bedeutung einer umfassenden gesellschaftlichen Resilienz betont. Verteidigungsfähigkeit beschränkt sich nicht auf Streitkräfte und Rüstungsausgaben. Ebenso wichtig seien widerstandsfähige Unternehmen, belastbare kritische Infrastrukturen sowie eine Bevölkerung, die auf Krisen und Ausnahmesituationen vorbereitet ist. Europa müsse Verteidigung künftig als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstehen.
Trotz aller Herausforderungen überwog ein vorsichtig optimistischer Ausblick. Europa verfüge über die wirtschaftlichen, technologischen und politischen Voraussetzungen, um seine Sicherheit langfristig zu stärken. Voraussetzung sei jedoch die Bereitschaft, bestehende Strukturen zu modernisieren, enger zusammenzuarbeiten und die Lehren aus der Ukraine konsequent umzusetzen.
Key Takeaways
• Die Unterstützung der Ukraine bleibt ein zentraler Baustein europäischer Sicherheit.
• Der vergangene Winter war mit Temperaturen von teilweise unter minus 20 Grad und mehr als sechs Wochen zweistelliger Minusgrade der härteste Winter in der Ukraine seit 1999.
• Europa muss seine Rüstungsbeschaffung und Verteidigungsindustrie grundlegend neu ausrichten, um den Anforderungen moderner Konflikte gerecht zu werden.
• Robotik, Automatisierung und autonome Systeme werden auch deshalb an Bedeutung gewinnen, weil der demografische Wandel die Zahl verfügbarer Soldaten langfristig reduziert.
• Die Ukraine zeigt, wie schnell Innovationen entwickelt, angepasst und unmittelbar eingesetzt werden können. Die Ukrainer kämpfen den Krieg von heute mit den Waffen von morgen.
• Verteidigungsfähigkeit umfasst nicht nur Streitkräfte, sondern auch resiliente Unternehmen, kritische Infrastruktur und eine vorbereitete Gesellschaft.
• Europa verfügt über die notwendigen Ressourcen, muss jedoch schneller, innovativer und enger kooperieren.
Foto: Unternehmertag/Urs Golling
