Zusammenfassung des Panels mit Prof. Lars-Hendrik Röller und Prof. Lucrezia Reichlin

Key Takeaways der Panel-Diskussion am 19. März mit Prof. Lars-Hendrik Röller (Berlin Global Dialogue) und Prof. Lucrezia Reichlin (London Business School), Moderation: Anja Wehler-Schöck (Der Tagesspiegel):
• Geopolitische Schocks als wirtschaftlicher Stresstest
Die Eskalation rund um den Iran wird als potenzieller großer Störfaktor für die Weltwirtschaft angesehen, wobei Europa aufgrund seiner Energieabhängigkeit und seiner Anfälligkeit für externe Schocks besonders gefährdet ist.
• Europa läuft Gefahr, strukturelle Nachteile zu erleiden
Über die unmittelbaren Auswirkungen (Öl, Inflation, Lieferketten) hinaus besteht die allgemeine Sorge, dass Europa langfristig zu den wirtschaftlichen Verlierern zählen könnte, wenn es seine internen Schwächen nicht angeht.
• Europa muss seine Handlungsfähigkeit von innen heraus stärken
Ein immer wiederkehrendes Thema: Europas größte Herausforderung ist nicht der Druck von außen, sondern unzureichende interne Koordination, langsame Entscheidungsfindung und ungelöste strukturelle Probleme.
• Ein entscheidender Moment: Fragmentierung oder Integration
Zwei gegensätzliche Szenarien zeichnen sich ab:
o Europa nutzt die Krise, um Integration, Wettbewerbsfähigkeit und strategische Autonomie voranzutreiben
o Oder die Fragmentierung vertieft sich, wobei Koalitionen williger Länder ohne vollständigen EU-Konsens voranschreiten
• Strategische Autonomie erfordert Größe und Institutionen
Europa verfügt über starke Fundamentaldaten (Marktgröße, Bildung, industrielle Basis), es fehlt jedoch an:
o integrierten Kapitalmärkten
o wirksamen gemeinsamen Finanzierungsinstrumenten
o koordinierten Industrie- und Verteidigungspolitiken
• Die Kapitalmarktunion als entscheidender Hebel
Der Aufbau eines echten europäischen Kapitalmarktes wird als unerlässlich angesehen, um Innovation, Verteidigung und technologische Führungsrolle in großem Maßstab zu finanzieren. Weitere Integrationsschritte müssen zuerst unternommen werden, bevor mehr gemeinsame EU-Schulden aufgenommen werden.
• Ökosysteme aus öffentlicher und privater Hand, nicht nur öffentliche Ausgaben
Europa sollte sich weniger auf CO2-Steuern und Subventionen allein konzentrieren und mehr auf die Schaffung von Innovationsökosystemen (vergleichbar mit historischen US-Modellen wie DARPA), die privates Kapital anziehen.
• Die Abhängigkeit von den USA bleibt eine strategische Schwachstelle
Europa ist in den Bereichen Sicherheit, Nachrichtendienste und Schlüsseltechnologien nach wie vor stark von den USA abhängig. Die Verringerung dieser Abhängigkeit wird als langfristige strategische Notwendigkeit dargestellt.
• Verteidigung, Technologie und Energie als zentrale Säulen
Eine stärkere Koordinierung in den Bereichen Verteidigungsfähigkeiten, KI, Infrastruktur und Energiesysteme ist unerlässlich, damit Europa wettbewerbsfähig und sicher bleibt.
• Pragmatische globale Handelsstrategie statt Ideologie
Die Globalisierung ist nicht tot, sondern im Wandel begriffen. Europa sollte:
o in der Handelspolitik pragmatischer vorgehen
o Instrumente über Zölle hinaus kombinieren
o Partnerschaften strategisch intensivieren und diversifizieren (z. B. Afrika, China, Indien, Lateinamerika)
• Die regelbasierte Ordnung ist geschwächt, aber nicht verschwunden
Obwohl unter Druck, unterliegt ein großer Teil des globalen Handels nach wie vor multilateralen Regeln. Reformen – nicht Aufgabe – sind erforderlich.
• Politischer Druck als Katalysator für Reformen
Ohne externen Druck und innenpolitische Unzufriedenheit sind tiefgreifende Veränderungen in Europa unwahrscheinlich. Krisen können daher als Auslöser für längst überfällige Reformen dienen.
ZUSAMMENFASSUNG
Europa tritt in eine Phase tiefgreifender wirtschaftlicher und geopolitischer Unsicherheit ein. Die Diskussion machte deutlich, dass aktuelle Konflikte und globale Machtverschiebungen nicht nur kurzfristige Marktrisiken darstellen, sondern einen weitreichenden Stresstest für Europas Wirtschaftsmodell, den politischen Zusammenhalt und die strategische Widerstandsfähigkeit.
Ein zentrales Anliegen war die anhaltende Anfälligkeit Europas gegenüber externen Schocks, insbesondere in den Bereichen Energie, Sicherheit und kritische Technologien. Während unmittelbare Risiken wie steigende Ölpreise, Inflation und Störungen der Lieferketten angesprochen wurden, lag der breitere Fokus auf den strukturellen Schwächen Europas: langsame Entscheidungsfindung, fragmentierte Kapitalmärkte und ein unvollständiger Binnenmarkt.
Gleichzeitig war die Diskussion von vorsichtigem Optimismus geprägt. Europa verfügt nach wie vor über große Stärken: einen großen Binnenmarkt, eine hochgebildete Bevölkerung und bedeutende industrielle Kapazitäten. Die zentrale Frage ist, ob der derzeitige Druck endlich zu entschlossenem Handeln führen wird. Eine stärkere Koordinierung in den Bereichen Verteidigung, Technologie, Infrastruktur und Finanzierung wurde als unerlässlich angesehen, wenn Europa seine Wettbewerbsfähigkeit stärken und strategische Abhängigkeiten verringern will.
Die Debatte unterstrich zudem, dass Europa pragmatischer über Handel und globale Partnerschaften nachdenken muss.
Anstatt sich aus der Globalisierung zurückzuziehen, besteht die Aufgabe darin, sich mit größerer strategischer Klarheit in einer zunehmend umkämpften Welt zu bewegen, die Beziehungen zu wichtigen Partnern aufrechtzuerhalten, die wirtschaftlichen Beziehungen zu diversifizieren und die Interessen Europas mit mehr Selbstbewusstsein zu verteidigen.
Die Podiumsdiskussion kam zu dem Schluss, dass Europa nun vor einer entscheidenden Wahl steht: Entweder nutzt es den aktuellen Moment, um die Zusammenarbeit zu vertiefen, in großem Umfang zu investieren und mehr Widerstandsfähigkeit aufzubauen – oder es riskiert, in einer zunehmend wettbewerbsorientierten Weltordnung weiter ins Hintertreffen zu geraten.
