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Europas Problem: Stark in den Werten, schwach in der Verteidigung?

Rückblick auf die Paneldiskussion mit Dr. Claudia Major und Prof. Dr. Sönke Neitzel

Die Diskussion zwischen der renommierten Sicherheitsexpertin Dr. Claudia Major (Senior Vice President Transatlantic Security, German Marshall Fund) und dem Historiker Prof. Dr. Sönke Neitzel (Professor für Militärgeschichte, Universität Potsdam) widmete sich Europas Verteidigungsdilemma, das angesichts sich wandelnder geopolitischer Machtverhältnisse zwischen Anspruch und Wirklichkeit oszilliert (Moderation: Anja Wehler-Schöck, Mitglied der Chefredaktion, Der Tagesspiegel).

Denn über Jahrzehnte hinweg gründete Europas Stärke auf Diplomatie, Kooperation und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Doch mit der veränderten globalen Lage ist militärische Stärke wieder zu einem zentralen Instrument der Macht geworden – und auf diese Realität ist Europa bislang nur unzureichend vorbereitet.

Deutlich wurde, dass Europas wahrgenommene Schwäche im Verteidigungsbereich kein Widerspruch zu seinem starken Wertefundament ist. Im Gegenteil: Glaubwürdige Verteidigung setzt ein gemeinsames Verständnis darüber voraus, was es zu schützen gilt. Werte und Sicherheit sind untrennbar miteinander verbunden.

Das Bewusstsein für die Herausforderungen ist hoch, doch die Umsetzung bleibt begrenzt. Viele der notwendigen Maßnahmen – von höheren Verteidigungsausgaben bis hin zum Ausbau militärischer Fähigkeiten – sind bekannt. Politische Fragmentierung, nationale Interessen und fehlende Führung verlangsamen jedoch weiterhin den Fortschritt.

Ein zentrales Problem ist Europas langjährige Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten. Da diese Unterstützung zunehmend unberechenbar wird, steht Europa vor der dringenden Aufgabe, seine eigene Sicherheitsarchitektur neu zu denken. Dies erfordert nicht nur Investitionen, sondern auch ein grundlegendes Umdenken: weg von Abhängigkeit, hin zu mehr Eigenverantwortung.

Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Deutschland. Wirtschaftlich und politisch wird das Land zunehmend als potenzielle Führungsmacht in der europäischen Verteidigung wahrgenommen. Dies eröffnet Chancen, birgt jedoch angesichts historischer Sensibilitäten und unterschiedlicher Interessenlagen innerhalb Europas auch Herausforderungen.

Trotz spürbarer Fortschritte in den vergangenen Jahren – häufig ausgelöst durch externe Schocks – bestehen weiterhin erhebliche Defizite. Europa fehlen nach wie vor zentrale Fähigkeiten, etwa in der Luft- und Raketenabwehr, bei Aufklärung und Cyberfähigkeiten, in der Logistik sowie bei der personellen Stärke der Streitkräfte. Die zentrale Herausforderung besteht nicht nur darin, Fortschritte zu erzielen, sondern ein Niveau zu erreichen, das den aktuellen geopolitischen Anforderungen gerecht wird.

Vorschläge wie eine europäische Armee wurden mit Skepsis betrachtet. Statt neue Strukturen zu schaffen, sollte der Fokus darauf liegen, die zugrunde liegenden Probleme klar zu definieren und bestehende Strukturen gezielt zu stärken.

Letztlich wird die Zukunft der europäischen Sicherheit weniger von institutionellen Fragen als vielmehr vom politischen Willen abhängen. Die Diskussion machte deutlich, dass ein tiefgreifender mentaler Wandel notwendig ist: Europa muss Verantwortung für seine eigene Verteidigung übernehmen – unabhängig von externer Unterstützung.

Die grundlegende Frage bleibt: Welche Rolle will Europa in einer sich verändernden Welt einnehmen – und ist es bereit, diese auch zu verteidigen? Wer wollen wir sein als 450 Millionen Europäer?

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