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Europa hat das Talent. Jetzt braucht es den Mut zum Handeln

Zusammenfassung des Panels "Europe Unplugged. Digitale Souveränität – Jetzt Oder Nie"

Mit Dr. Ferri Abolhassan (CEO T-Systems, Mitglied des Vorstands, Deutsche Telekom), Dr. Annika von Mutius (Co-Founder & Co-CEO, Empion, Vorstandsmitglied des KI-Bundesverbands), Thomas Saueressig (Mitglied des Vorstands, SAP SE), Moderation: Marc Kowalsky (Stellv. Chefredakteur, BILANZ)

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage, wie Europa digitale Souveränität zurückgewinnen kann, ohne sich technologisch abzuschotten. Ausgangspunkt war die enorme Abhängigkeit Europas von amerikanischen Technologien: Über 80 Prozent der kritischen digitalen Infrastruktur und Softwarelösungen stammen aus dem Ausland, insbesondere aus den USA. Diese Abhängigkeit wurde von den Panelisten nicht nur als wirtschaftliches, sondern zunehmend auch als geopolitisches Risiko beschrieben.

Gleichzeitig überwog auf dem Panel klar der Optimismus. Europa müsse nicht versuchen, die USA oder China zu kopieren, sondern solle eigene Stärken konsequent ausspielen. Besonders hervorgehoben wurden Europas industrielle Kompetenz, die hohe Qualität von Forschung und Ausbildung sowie die großen Mengen an spezialisierten Industriedaten, über die europäische Unternehmen verfügen. Diese könnten zur Grundlage eigener KI- und Technologielösungen werden.

Ein zentraler Gedanke war, dass Europas Chance weniger in generischen Large Language Models liegt, sondern vielmehr in spezialisierten, kleineren KI-Modellen für Industrie, Produktion, Maschinenbau, Chemie oder Logistik. Gerade hier verfüge Europa über jahrzehntelang aufgebautes Expertenwissen und proprietäre Daten, die weltweit kaum replizierbar seien. KI müsse dabei vor allem dort eingesetzt werden, wo sie reale industrielle Wertschöpfung steigern könne – nicht nur bei Konsumenten-Anwendungen oder Chatbots.

Mehrfach wurde betont, dass Europa bereits über starke Unternehmen, Talente und Forschungseinrichtungen verfüge, diese Kräfte jedoch zu selten gemeinsam nutze. Die Fragmentierung Europas wurde als eines der größten strukturellen Probleme beschrieben: unterschiedliche nationale Regelungen, fehlende Skalierungsmöglichkeiten und ein zersplitterter Binnenmarkt erschwerten Innovationen und verhinderten oft europäische Champions. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass Europa mit Airbus bereits gezeigt habe, dass erfolgreiche europäische Zusammenarbeit möglich sei.

Auch die Geschwindigkeit von Innovationen wurde intensiv diskutiert. Gerade im Vergleich zu den USA, China oder auch der Ukraine sei Europa häufig zu langsam, zu reguliert und zu vorsichtig. Während Innovationszyklen in anderen Regionen massiv beschleunigt würden, verliere Europa oft Zeit durch Bürokratie, regulatorische Unsicherheiten und komplexe Zuständigkeiten. Mehrfach fiel der Appell, schneller von Strategie in Umsetzung zu kommen.

Beim Thema KI herrschte Einigkeit darüber, dass die Technologie kein Zukunftsthema mehr sei, sondern bereits heute entscheidend für Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit werde. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass viele Unternehmen KI bislang noch zu wenig produktiv einsetzen. Die Diskussion drehte sich daher auch um Vertrauen, Governance und Akzeptanz. Europa könne gerade bei Themen wie Datenschutz, Sicherheit und verantwortungsvoller KI-Nutzung eigene Standards setzen und daraus einen Wettbewerbsvorteil entwickeln.

Diskutiert wurde zudem die Frage, wie Europa mit globalen Technologiekonzernen umgehen sollte. Dabei plädierten die Panelisten nicht für Abschottung, sondern für eine souveräne Nutzung internationaler Technologien. Entscheidend sei, Kontrolle über kritische Daten, Infrastruktur und Schlüsseltechnologien zu behalten. Digitale Souveränität dürfe nicht als Gegensatz zu Innovation verstanden werden, sondern müsse deren Grundlage sein.

Auch China wurde als Beispiel intensiv besprochen. Zwar lehnten die Panelisten das chinesische Gesellschaftsmodell klar ab, gleichzeitig wurde anerkannt, mit welcher Geschwindigkeit und Konsequenz China technologische Innovationen vorantreibt. Besonders beeindruckend sei die enorme Investitionsbereitschaft in Zukunftstechnologien wie KI, Robotik, Quantencomputing oder Fusionsenergie. Europa müsse daraus lernen, langfristiger zu denken und mutiger zu investieren.

Trotz aller Herausforderungen endete das Panel mit einer klar positiven Grundhaltung: Europa verfüge über die notwendigen Talente, Unternehmen, Daten und Technologien. Entscheidend sei nun, schneller zu handeln, stärker zusammenzuarbeiten und den Mut zu entwickeln, eigene technologische Wege konsequent zu gehen.

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